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Ringier

Theologie des Tapirs
© Neue Zürcher Zeitung; 9. April 2005; Seite 68; Nummer 82, Rubrik «Literatur und Kunst»
Von Hans-Ulrich Gumbrecht
Falls Sie sich die Zeit noch nie genommen haben, dann widmen Sie doch bitte dem Tapir- Gehege ein paar oder mehr Minuten, sobald Sie das nächste Mal an einem Sonntagnachmittag zur Unterhaltung Ihrer Kinder nichts Originelleres vorhaben als einen Zoobesuch (auch ein Internet- Zoo, den Sie mit Ihren Patenkindern durchschreiten, könnte letztlich akzeptabel sein - obwohl dies aus Gründen, die ich plausibel zu machen hoffe, nur eine zweitbeste Lösung wäre). «Etwa von Esels-Grösse und mit der fettnackigen Form eines Schweins», wie es ein zoologisches Handbuch sehr suggestiv beschreibt, sehen Sie den Tapir auf meist morastigem Grund dastehen - und das ganz Einmalige an ihm haben Sie dann, ohne es noch zu wissen, schon wahrgenommen: Der Tapir tut zunächst einmal nichts als dastehen, er steht da, als sei er die sehr fleischige Fleischwerdung des Titels von jenem wunderbaren Peter-Sellers-Film der frühen achtziger Jahre: «Being There».

Je intensiver und ausschliesslicher Sie sich auf den dastehenden Tapir konzentrieren, desto eher wird sich der Eindruck einstellen - und ich habe nie ausmachen können, ob er vom Tapir, dem Gegenstand der Beobachtung, oder von mir, dem Subjekt der Beobachtung, kommt - der Eindruck, dass der Tapir unmerklich zittert, so wie die Bilder am Anfang eines Films aus dem vor-digitalen Zeitalter. Während der Tapir nun zittert, wirken seine Versuche rein symbolisch, mit dem kurzen Schwanz die glänzenden Schweissfliegen zu vertreiben, welche das nach Urin und Kot stinkende Gehege anzieht. Denn der Tapir steht da, so wird dem geschichtsphilosophisch oder gar geschichtstheologisch inspirierten Besucher bald deutlich werden, um Opfer in Vollkommenheit zu sein. «Schmerzens-Tier» könnte man ihn deshalb in gewollter Anspielung auf die Theologie des Neuen Testaments nennen. Der Tapir steht da, um den Schweissfliegen seine Ohrmuscheln zur Ablage ihrer Eier zu bieten, um das Abgefeimte des Fäkaliengeruchs wirksam zu unterstreichen, indem er sich nicht an ihm stört.

Aber nicht nur geschichtstheologisch ist diese Spezies bemerkenswert, auch für den Evolutionsbiologen hält sie Denkanstösse bereit. Denn in einer Zeit wachsender Skepsis gegenüber dem darwinistischen Paradigma sollte man der Versuchung zum Gedankenexperiment nicht widerstehen und den Tapir zumindest ansatzweise als Paradigma für das Prinzip eines «survival of the un-fittest» diskutieren. Obwohl er ein Nachttier ist, scheinen die Augen des Tapirs zurückentwickelt bis zu einem Grad, der an den Grottenolm erinnert. Während sich seine Existenz deshalb darin erfüllen sollte, den scharfzähnigen Raubkatzen, so gut er kann, zu entkommen, fällt es dem massigen Tapir der Wirklichkeit ungemein schwer, sich in die Blätter- und Baumbestände des Regenwaldes zu pressen - und die malaysische Variante hält sich auch dort noch mit ihrem schneeweissen Rücken für alle Tapir-Schlächter des Tierreichs jederzeit sichtbar. Der Rüssel des Tapirs ist zu schwach, um ihn - wie einen Elefantenrüssel - für Bauarbeiten zu qualifizieren, und zu kurz, um sich - wie der Rüssel des Ameisenbärs - bei der Nahrungsaufnahme im flachen Wasser zu bewähren. Weil der Tapir bis heute in Zentralasien und im subäquatorialen Südamerika zu Hause ist, dürfen wir schliessen, dass er, so wie er heute vor uns steht, ein unwahrscheinlicher Überlebender aus der Fauna von Gondwanaland ist.

Nichts ist leichter, aber nichts ist auch langweiliger, haben Ethnologen immer wieder von den Ältesten venezolanischer und paraguayischer Pygmäenstämme gehört, als die Jagd auf den Tapir. Es genügt zu wissen, dass Tapire keine Mühen und keinen Weg scheuen, wenn sie Salzgeruch in ihrer Witterung aufnehmen. Also muss der Pygmäe nur Salzpaste auf eine Baumrinde applizieren und kann dann gelassen auf das unausbleibliche Erscheinen des Tapirs warten, um ihn bald schon mit seiner Taschenlampe in einen Zustand des Stupors zu versetzen. Gekocht wie gegrillt sei Tapir-Fleisch, liest man, eine Delikatesse, die an das Fleisch junger südafrikanischer Krokodile erinnere.

Im südtirolischen Brixen gibt es (wie im goethischen Weimar) ein Hotel, das seit Jahrhunderten schon einen Elefanten im Wappen trägt. Doch wer sich auf das der Strassenseite des Hotels zugewandte «Elefanten»-Gemälde auch nur einen Moment konzentriert, dem wird bald auffallen, wie kurz der Rüssel und wie dick und flach der Nacken des Symboltiers geraten sind. Angesichts der historischen Zugehörigkeit Brixens zum Reich der Habsburger einerseits und andererseits der dominanten Rolle Habsburgs bei der Kolonisierung Südamerikas lässt sich also die Konjektur kaum von der Hand weisen, dass es sich bei dem südtirolischen Hotel-Elefanten um einen Tapir handeln möchte. In den Emblem-begeisterten Jahrhunderten der frühen Neuzeit könnte es ja nahegelegen haben, mit dem leidensbereiten Tapir als einer funktional äquivalenten Variante für das Bild vom «Lamm Gottes» zu spielen. Der «Tapir Gottes» also. Fast ebenso wenig wie der Tapir Gottes lässt sich die Spekulation ausschliessen, dass dem theologischen Potenzial des Tapirs im friedensbereiten Europa unserer Zeit eine glorreiche Zukunft bevorstehen könnte. Denn allemal ist der Tapir Fleisch gewordener Traum einer ungefügen Unschuld, welche stärker wirkt als ihre auf ausschliesslich geistige Werte beschränkten Versionen.


Hans-Ulrich Gumbrecht lehrt
an der Stanford Universität.
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